Einschätzungen zur Fotografie und zu Georg Friedrich Leonhardt

9. März 2019 | In dem Buch zur Fotografiegeschichte von Kassel mit dem schönen Titel Fotografie in Kassel – Kassel in Fotografien, herausgegeben von Wolfgang Kemp und Floris Neusüss, München 1981, gibt es eine Vielzahl von grundlegenden und interessanten Informationen.

Dass die Fotografie in Kassel bereits mit der Erfindung der Daguerreotypie in 1939 Einzug gehalten hat (bis 1861 waren in Kassel 12 Daguerreotypisten geführt), wird in dem kundigen und grundlegenden Werk zur Fotografiegeschichte in Kassel mitgeteilt. Dass später Fotografen in noch größerer Zahl dazu kamen, belegt dann dieses Buch anschaulich.

In diesem sorgfältig recherchierten Buch finden sich einige Hinweise und Einschätzungen zum Fotografen Georg Friedrich Leonhardt. Diese werden, unter Angabe der Seitenzahl, hier wieder gegeben:

Über diese glücklichen Aufnahmen hinaus suchen wir jedoch auch nach Fotografenpersönlichkeiten, die eine Identität mit ihren Gegenständen und Mitteln erkennen lassen, nach Fanatikern, die nicht warten, bis die Realität ihre Studios betritt oder sich wichtig macht, sondern die ihren Gegenstand erst eigentlich mit fotografischen Mitteln herstellen.“ (Seite 14)

Kemp/Neusüss erläutern die Eigenart eines „Autorenfotografen“ (der Begriff stammt von Klaus Honnef) und führen dann aus:

Glücklicherweise hat Kassel solche Fotografen gehabt, Fotografen, die in diesem Falle sich auf ein Thema festgelegt hatten. An erster Stelle ist in dieser Hinsicht Conrad Seldt, an zweiter Stelle Georg Friedrich Leonhardt
(1850 – 1929) zu nennen.

Beide Fotografen beginnen etwa um die gleiche Zeit: Leonhardt 1885, Seldt 1889 (+1929), aber während Leonhardt sein Atelier 1898 schon wieder aufgibt, um als ambulanter Fotograf weiterzuarbeiten, betriebt Seldt
sein Studio bis 1924 – 36 Jahre lang.

Für beide Fotografen ist typisch, daß sie die normalen Aufgaben erfüllen, um zu leben, daß sie beide aber auchbund zu Zeiten überwiegend Aufnahmen machen, die mit ziemlicher Sicherheit nicht auf Verkauf berechnet waren oder nur auf solche Abnehmer rechnen konnten, die – um es kurz zu sagen – ebenso vernarrt in die Objekte waren wie die Fotografen selbst.

Beide entfalteten ihre wichtigste Tätigkeit vor 1900; beider Hauptaugenmerk galt der Altstadt Kassels, wobei Leonhardt hierbei noch eine besondere Spezialität entdeckte, die Fuldafronten der Altstadt und die Stellen, wo Stadt und Land ineinander übergehen.

Leonhardt war trotz seines Interesses an der Stadt Kassel ein Fotograf, der sich eher dem Land zugeneigt fühlte. Nach der Aufgabe seines Kasseler Atelieres hat er dann wohl auch ausschließlich das Kasseler Umland fotografiert und hier eines der schönsten Fotodokumente geschaffen, das aber nicht Gegenstand dieser Betrachtungen sein kann. (Seite 15)


Dagegen stand der Großteil der anderen Gebäude und Straßenzüge der Altstadt, die Seldt und Leonhardt im Bild festhielten, in keinem großen Ansehen mehr. In den 80er und 90eer Jahren waren weite Bezirke der Altstadt auf dem besten oder schlechtestem Weg, Slum oder, wie man damals sagte, „Milieu“ zu werden. Diese Aufnahmen haben die Fotografen Seldt und Leonhardt gemacht, weil ihnen der Gegenstand als ganzer, in seiner Vielfalt und in seinen Veränderungen wichtig waren.“ (Seite 19)

Der Arbeit von Fotografen wie Seldt, Leonhardt, Hess und Bickell haben wir es zu verdanken, daß wir noch einen zugleich anschaulichen wie auch objektiven Begriff von der historischen Gestalt der Altstadt am Ausgang des 19. Jahrhunderts gewinnen können.
Und es müsste in Zukunft möglich sein, Alt-Kassel in einschlägigen Publikationen nicht mehr durch schlechte Zwischenaufnahmen zu präsentieren, sondern nach der Wiedergewinnung von Hunderten von Originalabzügen und zahlreichen Platten wieder mit jener Detailschärfe hervortreten zu lassen, für die die Fotografen damals Sorge getragen haben.
“ (Seite 19)


Wenn man will, kann man sagen, daß das nicht mehr vorhandene Kassel, das nur die Idee einer schönen Stadt hinterlassen hat, die engagierte fotografische Praxis im vorhandenen Kassel jahrzentelang beschäftigte. Solange das wenige Erhalten immer weniger wird und das schlechte Neue immer mehr, wird es die engagierte Form der Heimatfotografie weiter geben.“ (Seite 27)