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Georg Friedrich Leonhardt – Photographien aus Cassel 1890 bis 1913

Kassel 8. März 2019 | Durch glückliche Umstände ist das Archiv des Kasseler Schriftstellers, Stadtchronisten, Bibliothekars und Archivars Paul Heidelbach (* 28. Februar 1870 in Düsseldorf † 13. Februar 1954 in Kassel) erhalten geblieben. Heute im Besitz seines Enkels Uli Helbing ist dieser Nachlass von Paul  Heidelbach Teil eines Familienarchivs, das vier Generationen umschließt. Darin enthalten sind viele Aufnahmen des Fotografen Georg Friedrich Leonhardt, des Schwiegervaters von Paul Heidelbach. Dazu kommen der Nachlass des Architekten, Gestalters und Kasseler Hochschullehrers Heinrich Helbing sowie Grafiken und Entwürfe aus dem beruflichen Wirken des erfolgreichen Grafikers Uli Helbing.

Vignette / Logo des Fotostudios cvon Georg Friedrich Leonhardt in Kassel

Kassel – Von der Residenzstadt zur Preussischen Provinzhauptstadt Hessen-Nassau

Der größte Teil dieser Fotografien ist seit Jahrzehnten unveröffentlicht, sie sind ein unbekannter Schatz. Dies alleine mag neugierig machen.  Schon der erste Blick auf die anspruchsvoll gemachten Motive mit meist besonderem Aufnahmestandpunkt – unter gelungener Einbeziehung von Personen – offenbart, dass den Fotografien von Georg Friedrich Leonhardt ein herausragender Wert zur Vergegenwärtigung des Stadtbildes von Cassel (in damaliger Schreibweise) zukommt.

Übersichtsplakat mit Fotgrafien von Georg Friedrich Leonhardt. Copyright Hartwig Bambey 2019

Ob Friedrichsplatz, Karlsaue, Weinberg, Wilhelmshöhe oder zahlreiche Straßen, Ensembles oder Partien an der Fulda – der Schöpfer dieser historischen Bildzeugnisse hatte das Auge, den Überblick und ein weitgehendes Verständnis für sein Sujet – das als Groß- und Industriestadt junge Kassel, die als preussische Provinzhauptstadt eine stürmische Entwicklung aus der Residenzstadt in den Jahrzehnten ab 1866 genommen hatte.

Der Fotograf Georg Friedrich Leonhardt hinterlässt einen herausragenden und umfänglichen Silberschatz, der nach der Sichtung erschlossen wird, dann mittels Digitalisierung gesichert werden soll, um damit für die Nachwelt und Öffentlichkeit in Kassel erhalten und zugänglich zu werden.

Die Photographien von G.F. Leonhardt sind Kunstwerke als solche

Zugleich zeichnen sie ein Bild der Stadt, das schon wieder vergangen ist –  Jahrzehnte bevor die Bomben im Oktober 1943 auf Kassel gefallen sind.

Ein Stadtbild von Cassel um 1900

Alt-Kassel ist in einer einzigen Bombennacht im Oktober 1943 zerstört worden. So sind Rezeption und Vergegenwärtigungen in Kassel seit Jahrzehnten geprägt vom Trauma des Verlustes. Dabei artikuliert sich in Erinnerungen einerseits Schmerz und die Entbehrung um das zerstörte gewachsene Stadtbild. Es gibt Erinnerungen und zahlreiche Bildzeugnisse. Diese datieren in der überwiegenden Mehrzahl aus den zwanziger und dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts, oder später.

Das alte Kassel und seine BewohnerInnen, ein Amalgam aus vormaliger Residenzstadt, aufstrebender preussischer Provinzhauptstadt und moderner Industriestadt mit Hentschel, Wegmann, Salzmann entwickelte sich in den wenigen Jahrzehnten des deutschen Kaiserreiches zur Großstadt.

Der Erste Weltkrieg setzte dieser Epoche ein drastisches Ende. Der Fotograf Georg Friedrich Leonhardt hat zwischen 1890 und 1913 Hunderte von besonderen Aufnahmen gemacht und damit Bildzeugnisse von besonderem Wert geschaffen.

Indem Leonhardt nahezu immer Passanten, Bewohner und Menschen aus der Zeit in seine Bilder einbezogen hat, ist es ihm gelungen, über eine fotografische Dokumentation von Stadträumen und Gebäuden hinaus, ein eindrucksvolles Stadtbild mit Licht zu zeichnen und zu überliefern.

Der große Fundus von Leonhardt-Fotografien eröffnet Gelegenheiten für Vergegenwärtigung – Kassel ersteht noch einmal in Bildzeugnissen:

Schloss Wilhelmshöhe, der Lac, die Löwenburg, das Tempelchen auf dem Weinberg, das Hessische Landesmuseum, das Hoftheater, der Bahnhof samt Bahnhofsplatz, Marställer Platz, Friedrichplatz, Wilhelmshöher Tor, Rathaus, Königsstraße, Druselgasse und Druselturm, Friedrich-Wilhelms-Platz, Wilhelmstraße, Karlsaue mit Orangerieschloss, die Schöne Aussicht mit Palais Bellevue, Neue Galerie, die Schlagd an der Fulda, das Gewerkschaftshaus und viele andere Örtlichkeiten finden sich abgebildet.

Rein zeitlich deutlich von der späteren Zerstörung entkoppelt, entfaltet sich das faszinierende Bild der Großstadt Kassel. In dieser Breite und Tiefe dürfte dies unbekannt sein, so wie die in den Fotografien abgebildeten Menschen schon lange nicht mehr sind und umso beeindruckender Leben und Lebensumstände einer mehr als 100 Jahre zurückliegenden Epoche veranschaulichen und verkörpern.

Zielstellung bei der Erschließung dieses wertvollen fotografischen Werks von Leonhardt ist es die heutigen Menschen und Bewohner von Kassel teilhaben zu lassen. Dafür bietet sich besonders eine Ausstellung an.

Die Arbeiten zur Sichtung, Ordnung und Beschreibung der Leonhardt-Fotografien wird geleistet von dessen Urenkel Uli Helbing, vom Publizisten und Fotografen Hartwig Bambey, unterstützt von Karl-Hermann Wegner. In einem ersten Schritt sollen Interessierte und Förderer des Projekts in Kassel gefunden und geworben werden, zuallererst auf Seiten der Stadt Kassel. Später dann soll der wertvolle Bilderfundus in einem Archiv für die interessierte Öffentlichkeit gesichert und zugänglich werden.